Hat mein Wein (wirklich) Zapfen?
In unserer Wein-Kolumne Im Kern. schauen wir genauer hin, räumen mit Wein-Klischees auf, zeigen Haltung, gehen tiefer und fragen auch mal nach dem Sinn. Ohne Lärm und Tamtam. Dafür mit Herz und der uns eigenen Art.
Die heutige Frage lautet:
Mein Wein schmeckt komisch. Woran merke ich, ob er Zapfen hat?
Vermutlich kennst du diese Situation genauso gut wie wir: Du öffnest eine Flasche Wein, schenkst ein Glas ein, schmeckst daran und hast das Gefühl, irgendwas stimmt nicht. Doch hat der Wein wirklich Zapfen oder nicht?
Fakt: Echt Korkfehler sind (inzwischen) selten
Obwohl auch wir meist als erstes an den Zapfen denken, steckt oft was anderes dahinter. Denn richtige Korkfehler sind mittlerweile viel seltener, als viele denken. Von 100 Flaschen sind maximal fünf betroffen (Quelle: Académie du Vin). Darum lass' uns zunächst schauen, was einen echten Zapfenwein überhaupt ausmacht.
So schmeckt ein Wein, der korkt
Ein Wein wird als korkig bezeichnet, wenn er über den Zapfen mit einer Substanz namens Trichloranisol (kurz: TCA) in Berührung gekommen ist. TCA entsteht durch einen unsichtbaren Schimmelpilz, der sich manchmal in Naturkork bildet und selbst in geringen Mengen Weine geschmacklich verderben kann.
Am schnellsten und einfachsten lässt er sich über den Geruch feststellen. Schmeckt ein Wein nach:
- nassem Karton,
- feuchtem Keller,
- altem Zeitungspapier oder
- muffig-modrigem Stoff usw.
und bleibt dieser Ton auch nach einer längeren Wartezeit bestehen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich um einen Korkfehler handelt. Probiere den Wein in dem Fall bitte trotzdem oder teste den Tipp am Ende des Beitrags.
Denn es gibt Einflüsse, die zwar mit Korkweinen verknüpft werden, aber keine Fehler sind.
Vier Phänomene, die keine Fehler sind – auch wenn sie komisch aussehen oder schmecken
Nicht alles, was wie ein Korkfehler daherkommt, ist auch einer. Darum lass' uns ein wenig tiefer eintauchen, welche Aromen oder Anzeichen normal und harmlos sind.
Phänomen 1: Reduktion
Riecht ein Wein nach dem Öffnen streng bzw. ein bisschen wie Gummi, Zwiebeln oder Stall, nennt man das Reduktion. Dabei handelt es sich weder um einen Weinfehler, noch ist der Wein schlecht. Im Gegenteil! Gib ihm einfach ein wenig Luft, indem du:
- den Wein im Glas schwenkst,
- den gesamten Flascheninhalt belüftest/dekantierst oder
- die Flasche für mindestens 30 Minuten geöffnet stehen lässt.
Einige Weine brauchen sogar einen ganz Tag, um ihr Können zu zeigen. Es ist ein bisschen so, als würdest du darauf warten, dass der Flaschengeist die Flasche verlässt.
Phänomen 2: Weinstein
Hast du auch schon mal kleine Kristalle im Glas oder am Korken gehabt? Das ist sogenannter Weinstein.
Dieser entsteht, wenn sich die Mineralien im Wein mit der Weinsäure verbinden und als Salze ausfallen. Meistens bleibt dieser Prozess für uns Konsument:innen unsichtbar. Faktoren, wie die Temperatur, der Jahrgang oder der Alkoholgehalt können jedoch dazu führen, dass sie diese Salze nur schwer oder gar nicht lösen und absetzen.
Wichtig: Weinstein ist normal und hat keinen Einfluss auf den Geschmack oder Genuss.
Phänomen 3: Depot
Wenn ein kleiner feiner Bodensatz in der Flasche oder im Glas zurückbleibt, nennt man das Depot. Es kommt vor allem bei älteren Rotweinen, Naturweinen und unfiltrierten Weinen vor.
Auch hier gilt: Das Depot ist unbedenklich. Schenke gegen Schluss allenfalls einfach ein wenig vorsichtiger ein oder lass den finalen Schluck in der Flasche, da das Depot oft bitter schmeckt.
Phänomen 4: Zeit & Geduld
Oft verlangen wir von Weinen, was wir selbst kaum hinkriegen: Sie sollen direkt nach dem Öffnen performen. Doch Hand aufs Herz: Stehst du am Morgen auf und bist zu 100 Prozent parat? Nein? Dann sei bitte gnädig mit dir und deinen Weinen.
Denn der Grund, wieso sie am häufigsten in die Fehlerecke gesteckt werden, ist zu wenig Zeit. Doch wie wir brauchen Weine einen Moment, um zu zeigen, wer sie sind und was sie können.
Darum: Gib ihnen bitte Luft. Meistens sind sie danach so wach wie du und wir nach der zweiten Tasse Kaffee.
Zum Schluss: Der sichere Zapfentest
Zugegeben: Es gibt Momente und Weine, da hilft alle Zeit der Welt und alles Wissen nichts. Denn die Unsicherheit bleibt. Hat der jetzt Zapfen oder nicht?
Um ganz sicher zu gehen, kannst du Folgendes machen: Verdünne einen Probeschluck mit etwas warmem Wasser. Ist Korkgeschmack vorhanden, sticht er klar hervor. Denn TCA riecht auch stark verdünnt intensiv (Quelle: Académie du Vin).
Stelle den Wein weg und öffne eine andere Flasche. Und: Nimm unbedingt Kontakt mit dem Weingut oder dem (Online-)Fachhandel deines Vertrauens auf.
In diesem Sinne: Lass' uns geduldiger sein, bevor wir Weine als verkorkst erklären!


